Kolumne Medienwelt: Vice-Interview zu Terror-Erfahrung – muss das sein?

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Nicht, dass das nicht jeder mitbekommen hat, aber der Vollständigkeit halber: Am Freitag, den 13. November, töteten Terroristen 89 Menschen bei einem Konzert der Band Eagles of Death Metal im Pariser Bataclan. Das Magazin Vice, das generell etwas zu provokanten Beiträgen neigt, hat nun zwei Bandmitglieder interviewt. Das komplette Interview erscheint erst nächste Woche, es ist allerdings schon ein ein-minütiges Werbevideo und eine textliche Ankündigung auf dem Onlineportal sowie auf Youtube zu finden. In dem Video bringt Sänger Jesse Hughes kaum Worte hervor, so vehement versucht er, Tränen zu unterdrücken. Noch Minuten nachdem ich das gesehen habe, habe ich selbst einen Kloß im Hals. Und eine brennende Frage auf der Zunge: Muss das sein?

Was hat die Redaktion dazu gebracht, dieses Interview zu führen? Wem soll das weiterhelfen? Niemandem! Außer dem Onlineportal, das mit dieser glorreichen Idee wahrscheinlich tausende Klicks einsacken wird. Das Youtube-Video wurde einen Tag nach der Veröffentlichung bereits rund 407.000 Mal angeschaut. Um zu wissen, dass es der blanke Horror ist, so etwas mitzuerleben, muss man dieses Interview nicht anschauen – das kann sich jeder denken. Um traurig zu sein und Angst zu haben, muss man dieses Interview nicht anschauen – das ist sowieso schon bei Millionen Menschen der Fall.

Scheinbar kennen die Journalisten die Band persönlich, denn Sänger Jesse Hughes hat eine eigene Show auf Noisey, dem Musikkanal von Vice, wie die Redaktion in ihrem Beitrag, der das Interview ankündigt, schreibt. Klar, hätten die beiden Bandmitglieder das Interview auch verweigern können, sie scheinen es also zu wollen. Dennoch quälen sie sich mit den Antworten und als Zuschauer ist man ebenfalls gequält. Aber Vice bekommt seine Klicks – na dann. Schon alleine, dass sie nicht einfach nächste Woche das komplette Interview online stellen, sondern schon mal einen Trailer veröffentlichen, zeigt, worauf sie aus sind. Schaut man sich die Kommentare zum Ankündigungs-Video auf der Vice-Facebookseite an, sieht man deutlich, dass ich nicht die Einzige bin, die das aufregt.

Das ganze erinnert mich an einen Ausschnitt aus dem Buch „Der Aufmacher: Der Mann, der bei der Bild Hans Esser war“ von Günter Wallraff, der 1977 für vier Monate unter falschem Namen als Redakteur bei der Bild-Zeitung Hannover war und in diesem Werk seine Erfahrungen schildert. Dazu gehört auch ein Interview mit einer Frau, die wenige Minuten zuvor Mutter geworden ist, irgendetwas kurioses erlebt hatte (was genau habe ich vergessen, sechs Jahre nachdem ich das Buch gelesen habe) und eigentlich gar nicht interviewt werden wollte. Wallraff, der immer mehr merkte, wie er in allem nur noch Stories und nicht mehr die Menschen dahinter sah, tat es trotzdem. Und von seinen Kollegen hatte er ebenfalls den Eindruck, dass diese so denken.

Ich selbst habe schon beobachtet, wie eine Journalistin scheinbar enttäuscht war, dass ein Polizeieinsatz in der Stadt (lassen wir beiseite in welcher) doch keine Story ist – anstatt erleichtert zu sein, dass nichts und niemand zu Schaden gekommen ist. Das ist scheinbar eine Journalistenkrankheit. Klar, Medien brauchen Leser, brauchen Klicks, aber wie weit muss man dafür gehen?

Die Medien tragen eine große Verantwortung mit der so mancher Journalist etwas pfleglicher umgehen sollte. Hätte mich dieses Thema, nur noch Stories anstatt die Menschen dahinter zu sehen, nicht schon seit Wochen beschäftigt, hätte ich das getan, was meiner Meinung nach jeder tun sollte: Nicht draufklicken.

Dass mich dieses Interview so beschäftigt hat, habe ich zum Anlass genommen, eine Kolumne über die Medienwelt zu starten. In dieser werde ich nun immer wieder schildern, welche Entdeckungen in den Medien mich so umtreiben. Ihr seid herzlich eingeladen, in einem Kommentar Eure eigene Meinung loszuwerden 😉

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4 Gedanken zu „Kolumne Medienwelt: Vice-Interview zu Terror-Erfahrung – muss das sein?

  1. Pingback: Die 4 beliebtesten Beiträge 2015 + Fazit nach 3 Monaten bloggen | Mein Medienguide

  2. Die Art und Weise über bestimmte Dinge zu berichten, stößt mir ebenfalls enorm unangenehm auf. Insbesondere im Zusammenhang mit Paris wurde das deutlich. Und weil ich hier keine Links posten will, belasse ich es bei einem schwammigen Verweis auf zwei Artikel, die ich vor kurzem – einen heute – zu der Thematik verfasst habe. 🙂

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  3. Die Frage, die sich der Artikel aufwirft („Muss das sein?“) ist durchaus berechtigt. Auch das Polarisieren ist gerechtfertigt. Die Medien werden dem Bild gerecht, welches hier gezeichnet wird. Doch darf auch beleuchtet werden, dass es Menschen gibt, die das Thema nicht loslässt und denen die Fragen nicht ausgehen hinsichtlich dieses Themas. Sie sind dankbar für jede Quelle, die, wenn nicht erklären, so doch erläutern kann, was dort passiert ist. Jedem Konsumenten dieser Informationen Sensationslust zu attestieren, würde die Sache verfehlen. Die Medien sind nicht mehr die realitätsstiftende Instanz wie noch vor einigen Jahrzehnten. Was geschrieben ist, beleuchtet nur Aspekte. Die Wirklichkeit ist ein Puzzle. Wir benötigen viele Teile, um uns ein Bild von ihr zu machen.

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